Warum uns ein tiefer persönlicher Verlust zu besseren Menschen macht

Eine intern durchgeführte Studie bei Google hat gezeigt, dass die besten Mitarbeiter junge Menschen sind, die einen grossen Verlust in ihrem Leben erlebt haben und diese Erfahrung in persönliches Wachstum verwandeln konnten.

Salim Ismail schreibt in seinem Buch „Exponential Organizations“ über eine Entdeckung, die der Chief Human Resources Officer von Google im Rahmen einer Studie gemacht hat. Die Studie untersuchte Einflussfaktoren, die zu besonders effizienten und wertvollen Mitarbeitern führen.

„Google hat kürzlich gezeigt, dass es sich bei den besten Mitarbeitern nicht um Studenten der sogenannten Ivy League handelt, sondern um junge Menschen, die einen großen Verlust in ihrem Leben erlebt haben und diese Erfahrung in persönliches Wachstum verwandeln konnten.

Laut Google hat ein tiefer persönlicher Verlust dazu geführt, dass sich diese Mitarbeiter im Arbeitsalltag bescheidener sind, besser Zuhören können und effizienter Lernen.“

Warum scheint uns der „tiefe persönliche Verlust“ zu besseren Menschen zu machen?

Wenn nicht diejenigen Mitarbeiter mit höchsten und besten Studienabschlüssen besonders effektiv und wertvoll sind, sondern diejenigen, die durch Transformation in „ihrem Mensch“ sein gewachsen sind, muss dann nicht zwischen den beiden Konzepten „Lernen“ und „Transformation“ unterschieden werden, um die Studie besser verstehen zu können?

Lernen und Transformation, wo liegt da der Unterschied?

Wir leben heute in einer Welt, in der es einfacher ist, als jemals zuvor etwas Neues zu lernen. Jeder kann jederzeit etwas lernen. Ob in Institutionen wie Schulen oder durch das Lesen von Büchern, hören von Podcasts oder informell über den Austausch mit anderen.    

Beim Lernen geht es darum, Inhalte zu lernen, um etwas Neues zu verstehen, sich Wissen anzueignen oder auch neue Fertigkeiten zu erwerben. In der Regel verändert das Lernen von etwas Neuem bereits die Vorstellung, die ich vorher von einer Sache oder einem Thema hatte.

Ein erster Veränderungsprozess hat stattgefunden, allerdings auf dieser Stufe erst auf der Kopfebene.

Lernen findet nicht nur mit der bewussten Auseinandersetzung von Inhalten statt, sondern auch durch Erfahrungen in und mit der Umwelt.

In meiner Jugendzeit wurde ich stark mit den Themen Krankheit und Tod konfrontiert. Deswegen weiss ich heute viel über die Krankheit Krebs, über unterschiedliche Arten von Schmerztherapie, die Lagerung und Pflege von schwerstkranken Patienten und über Sterbebegleitung.

Nebst diesen Inhalten, hatte ich gelernt, Panikattacken zu entwickeln. Ich hatte gelernt, dass es möglich ist, sich gesund zu fühlen, dass aber ein einziger Check-up beim Arzt alles verändern und einem Todesurteil gleichkommen kann und dass nicht nur ein Elternteil sterben kann, sondern beide in kürzester Zeit nacheinander. Die Angst war die Konsequenz aus den von mir gemachten Erfahrungen.

Über welche besonderen
(nicht angeborenen)
Fähigkeiten verfügst du?

Gelerntes kann wieder verlernt werden! Auch wenn jahrelang in der Schule Vokabular für eine Sprache gebüffelt wurde, wenn die gelernten Inhalte nie zu Anwendung kommen, wird das Vokabular von unserem Gehirn als wenig nutzbringend eingestuft und wir vergessen wieder, was das Wort „Dessertkabel“ auf Englisch oder Spanisch bedeutet.

Genau gleich funktioniert es mit den „gelernten Gefühlen“. Mir hat eine Kombination von Selbsthypnose und Selbstbeobachtung geholfen, die Panikattacken zu verlernen. Es dauerte seine Zeit, aber ich bin heute völlig angstfrei.

Alle Veränderungsprozesse sind anstrengend und mühsam. In beide Richtungen des Lernens. Sowohl das Aneignen, als auch das Verlernen bedingen daher Motivation und Interesse. Bei Themen, die einem selbst stark betreffen, ist das Interesse gegeben. Es muss allerdings ein übergeordnetes „Warum“ geben. Ein „Warum“ das über längere Zeit motiviert und nährt.

Mein Warum damals und heute lautet: „Ich lasse nicht zu, dass die Angst mein Leben lebt! “

„Wie es bei dir?
Lebst du
oder wirst du gelebt?“

Die Auseinandersetzung mit Lerninhalten verändert uns, es verändert allerdings nicht unsere Glaubenssätze oder Wertvorstellungen, wir werden durch das Lernen in Inhalten nicht in unserer Art und Weise des „Mensch sein“ verändert. Das Lernen von Inhalten ist nur ein Bruchteil dessen, was zu wirklichem Wandel führt.

In den 1970er Jahren in den USA enstand die transformative Lerntheorie. Als Begründer dieser Theorie gilt Jack Mezirow. Obschon die transformative Lerntheorie als eine der bedeutendsten Theorien gilt, wenn es um das Lernen Erwachsener geht, hat sie im europäischen Raum wenig Beachtung gefunden.  

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass es sich beim transformativen Lernprozess um einen bewussten Prozess handelt, der mit einem Dilemma beginnt und durch kritische Reflexion weiterentwickelt wird.

Wie führt Transformation zu Wandel?

Ausgangspunkt für eine Transformation ist oft eine Lebenskrise, ein sogenanntes Dilemma, das durch Tod, Krankheit, Scheidung, Ereignisse im Berufsleben, Ruhestand, Misserfolge und andere Traumata ausgelöst wird, kann aber auch ein Thema sein, das einem stark emotional berührt und nicht mehr loslässt.

Jeder Mensch reagiert in einer Krisensituation anders und jeder Mensch entwickelt individuell unterschiedliche Bewältigungsstrategien, um mit schwierigen Situationen fertig werden zu können.

In einer Krise fühlt man sich, als sitzte man in einer Achterbahn. Es ist unmöglich, die Gefühle zu kontrollieren. In einer wilden Fahrt geht es auf und ab.

In einem Augenblick steht man an der Eisdiele und freut sich auf ein Erdbeer-Schokoladen-Eis und Sekunden später flackert eine Erinnerung auf, daran, welches Eis der Lieblingsmensch bestellt hätte, woraufhin man aufgelöst aus dem Geschäft stürmt.   

Ist es normal, in einer Krise völlig die Kontrolle über seine Gefühle zu verlieren?

Ja, das ist völlig normal. Allerdings ist jeder Mensch anders und die Intensität, in der die Achterbahn erlebt wird, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Die Wissenschaftler Joe B. Hurst und John W. Shepard haben dieses Auf- und Ab der Gefühlswelt nach einem erlebten Verlust 1986 erforscht und konnten vier Phasen festmachen, die Betroffene unterschiedlich schwer durchleben:

1. Phase: Das Problem wird verleugnet und verdrängt
(Das ist alles nur ein schlechter Traum)

Oft wird diese Phase im nachhinein kaum erinnert. Sie kann Stunden, Tage oder Wochen dauern.
– Gefühl der Ohnmacht oder völlige Empfindungslosigkeit,
– Eindruck, man träume und der Verlust sei nicht real,
– Verleugnen oder Ignorieren des Problems, der Krankheit.

2. Phase: Das Fragen-Karussel dreht sich, Emotionen brechen auf (Unkontrollierbares Chaos der Emotionen)

Die Gedanken drehen sich im Kreis, Tag und Nacht. Was hätte ich anders machen müssen? Warum? Weshalb? Wieso? Warum ich?

Man versucht sich hinter Erklärungen zu verstecken, die nichts taugen und nicht helfen. Gedanken führen zu Gefühlen und bringen alle Dämme zum Brechen. Das Erlebte kann nicht mehr verdrängt werden.

Es kommt zu Wut, Zorn, Freude, Angst, Schuldgefühle, Trauer, Unruhe, Selbstzweifel und Frustration. Diese Phase ist nur sehr schwer zu ertragen, weil die Gefühle, die man nicht gewohnt ist und zuvor abgespalten hatte, nun wie eine Welle über einem zusammenstürzen.

Es ist wichtig, das Chaos das durch diese Emotionen verursacht werden, auszuhalten und nicht zu verdrängen, um die Krise weiter verarbeiten zu können.

3. Phase: Suchen, Finden, sich loslösen (Es ist jetzt Zeit, wieder aufzustehen!)

Erste Versuche, etwas zu finden, das die durch den Verlust entstandene Lücke schliessen könnte, finden statt. Erinnerungen an Erlebnisse aus der Vergangenheit werden reflektiert. Es gibt Momente, in denen sich so etwas wie Versöhnung und Einsicht der Situation gegenüber einstellt, gefolgt von einer gewissen Akzeptanz.

Um aus dem Gefühl der Ohnmacht herauszufinden, ist es in dieser Phase wichtig, wieder Eigenverantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und sich nicht länger schuldig zu fühlen, wenn Freude oder gar Erleichterung empfunden wird.

4. Phase: Sich Neuem öffnen (Neue Glaubenssätze geben Kraft und Mut, um weiterzumachen)

Das Überwinden des Höhepunktes der Krise erfordert besonders viel Kraft. In der vierten Phase geht es darum, den Schmerz loszulassen und die gemachte Erfahrung in eine neue Lebensrealität umzusetzen.

Neue Wertvorstellungen entstehen, neue Verhaltens- und Erlebensweisen werden ausprobiert. Bislang bestehende Glaubenssätze verändern sich. In dieser Phase zeigt sich, dass eine Krise eine Chance für Entwicklung ist, die Wahrgenommen werden muss.

Es bedarf Mut, die nötigen Schritte auch zu leben, nachdem die emotionale Balance wiederhergestellt wurde. Mir haben Affirmationen sehr geholfen.
„Ich habe Vertrauen. Ich gehe aufrecht, mit Begeisterung, das Leben bejahend auf meinem Lebensweg“.

Wie schafft man es, an einer Krise zu wachsen statt daran zu zerbrechen?

Die amerikanische Psychologin Emmy Werner untersuchte in den 50er Jahren in einer Studie, warum manche Menschen, die in den widrigsten Umständen aufwuchsen, nicht an der Situation zerbrachen, sondern es schafften, daran zu wachsen.

In ihrer Studie begleitete 700 hawaiianische Kinder über einen Zeitraum von 40 Jahren. Ein Drittel dieser Kinder wuchs in äusserst schwierigen Familienverhältnissen auf wie extremer Armut, wiederholtem Kindesmissbrauch, drogen-, alkoholabhängigen oder psychisch kranken Eltern.

Emmy Werner beobachtete, dass sich wiederum ein Drittel dieser Kinder trotz der widrigen Umstände positiv entwickelte.

In der Studie konnten einige Grundvoraussetzungen aufgedeckt werden, die den Kindern halfen, besser mit ihrer Krisensituation umgehen zu können. Hatten die Kinder eine Vertrauensperson ausserhalb des schwierigen Umfelds (bei einigen übernahm eine Lehrperson diese Funktion), fiel es ihnen oft leichter mit der Situation umzugehen.

Auch konnten sich auch die Kinder, die einer Aufgabe nachgingen, besser entwickeln, beispielsweise, wenn sie schon früh Verantwortung übernehmen mussten.

Es ist nach heutigem Forschungsstand noch nicht abschliessend geklärt, welche Faktoren, eine resiliente Persönlichkeit ausmachen. Erhöhte Resilienz setzt jedoch eine gewisse Kontrolle über die eigenen Gedanken und in der Folge über die eigenen Gefühle voraus (Gefühle entstehen auf der Basis von Gedanken). Allgemein wird von sogenannten „sieben Säulen der Resilenz“ gesprochen.

Was sind die sieben Säulen der Resilenz?

Optimismus: Die Menschen haben gelernt, dass es nichts bringt, wenn sie sich immer nur auf das Negative konzentrieren. Sie haben gelernt, ihre Gedanken bewusst wahrzunehmen und wenn nötig zu verändern.

Akzeptanz: Wer resilient ist, lernt, seine Situation zu akzeptieren und anzunehmen. Probleme werden als Herausforderung gesehen und als normalen Lauf der Dinge.

Lösungsorientierung: Anstatt an ihrem Schicksal zu zerbrechen, versuchen resiliente Menschen Lösungen zu finden und umzusetzen.

Verlassen der Opferrolle: Resilente Menschen übernehmen die Verantwortung für sich. Sie glauben an ihre Fähigkeiten und sind sich sicher, die Krise bewältigen zu können.

Eigenverantwortung: So übernehmen sie Verantwortung für sich selbst und ihr Leben.

Netzwerkorientierung: Resiliente Menschen lassen Personen in ihr Leben, die ihnen guttun und nehmen Hilfe an.

Zukunftsplanung: Resilente Menschen glauben daran, dass sie die Krise bewältigen können und vertrauen darauf, dass eine bessere Zukunft vor ihnen liegt.  

Ist Resilienz eine angeborene Eigenschaft?

Nein, Resilenz ist keine angeborene Eigenschaft. Bei der Resilienzbildung spielen viele Faktoren eine Rolle und viele, wenn nicht sogar alle, können durch Persönlichkeitsentwicklung entwickelt, gestärkt oder gesteigert werden.

Denn wer in der Lage ist, seine Emotionen zu steuern, kann eine Haltung der Akzeptanz einnehmen und beginnen, in einer Krise nach Lösungen zu suchen.
Wer Empathie besitzt, kann ein gutes Netzwerk von Freunden aufbauen, das in Krisenzeiten Halt gibt.
Wer an sich selbst glaubt, kann die Opferrolle verlassen und aktiv handeln, anstatt darauf zu hoffen, dass andere das Problem für einen lösen.
Wer seine Zukunft plant, setzt sich automatisch Ziele und überlegt, wie er diese erreichen kann. Getragen werden alle diese Bestrebungen durch Optimismus und Zuversicht.

Wer ist deine
Vertrauensperson?

Die Studie von Emmy Werner zeigt auf, dass es zwei zentrale Faktoren gibt, um aus Krisen gestärkt hervorgehen zu können, zum einen ist es die Begleitung und Unterstützung durch eine Vertrauensperson oder ein Netzwerk, zum anderen muss Eigenverantwortung übernommen werden.

Bei mir waren es im Laufe der Zeit verschiedene Vertrauenspersonen, die mir geholfen haben, durch meine Krisen zu kommen. Heute weiss ich, dass ich nie alleine bin. Es gibt immer jemanden, der mir beisteht. Manchmal findet sich diese Person im direkten Umfeld, manchmal muss diese Person aber auch erst gefunden werden.

Sollten Qualifikationen im „Mensch sein“ anerkannt werden?

Menschen, die durch schwerwiegende Krisen gegangen sind, wurden gezwungen, sich mit diesen Lerneinheiten die das Lebens für sie bereitstellte, auseinander zu setzen. Lerneinheiten im „Mensch sein“. Im Management werden diese Art von Lerneinheiten oft als Persönlichkeitsentwicklung bezeichnet.

Durch Krisen gestärkte Menschen, begegnen schwierigen Situationen mit Gelassenheit und Zuversicht. Sie sind dankbar für die einfachen Dinge im Leben und dadurch weniger anspruchsvoll. Sie haben gelernt, wie wichtig es ist, zuzuhören, weil auch ihnen in der Vergangenheit zugehört wurde. Sie haben gelernt, wie wichtig es ist, zu wachsen und zu lernen, weil genau diese Eigenschaften ihnen geholfen haben, an Krisen nicht zu verbrechen, sondern diese zu überwinden und gestärkt daraus hervorzugehen.

Diese Art von Persönlichkeitsentwicklung kann nicht mit einem Zertifikat oder Diplom ausgezeichnet werden. In meinem Lebenslauf gibt es einen Absatz mit dem Titel „Unterbrüche der Arbeitstätigkeit“.

Es gibt zwei solcher Unterbrüche: Private Pflege und Sterbebegleitung der Mutter und private Pflege und Sterbebegleitung des Vaters.

Ein heikles Thema. Mir wurde im Rahmen eines Bewerbungscoachings schon davon abgeraten, dies in meinen Lebenslauf aufzunehmen. Diesen Rat habe ich allerdings immer ignoriert. Die Studie von Google macht mir Mut. Vielleicht ist es in naher Zukunft schon bald üblich, Krisen und durchlebte Schicksalsschläge als das zu anerkennen was sie sind: Persönlichkeitsentwicklung.


„Gibt es bei im Lebenslauf ähnliche Einträge oder denkst du eher, dass Krisen und Schicksalsschläge privat behandelt werden sollten und nicht in die Berufswelt passen?“

Herzlichst, Alexandra Ledermann, M.Sc.


Weiterführende Literatur

  • Dr. Denis Mourlane „Resilienz: Die unentdeckte Fähigkeit der wirklich Erfolgreichen“
  • Salim Ismail schreibt in seinem Buch „Exponential Organizations“
  • Handbuch Resilienz-Training: Widerstandskraft und Flexibilität für Unternehmen und Mitarbeiter

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